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Wildvögel unterstützen

Was jeder tun kann, um Wildvögel zu unterstützen, bevor sie in Not geraten

Singvögel stellen mit über 4000 Arten und unzähligen Unterarten die mit Abstand größte Gruppe der Vögel in der Ornithologie dar.
Vom kleinsten bei uns heimischen Singvogel, dem Wintergoldhähnchen, bis zum größten bei uns vorkommenden Singvogel, dem Kolkraben, begegnen wir tagtäglich unzähligen dieser mehr oder weniger auffälligen, gefiederten Schönheiten praktisch überall, wo wir uns aufhalten.

...auch Krähen haben Hunger....
…auch Krähen haben Hunger….

Egal, ob wir einen Garten unser Eigen nennen, über einen Balkon verfügen oder nur das Küchenfenster haben – überall finden wir im Winter ein Plätzchen, wo wir Futterstellen errichten und im Sommer Nisthilfen anbringen, um diese bunte Vogelwelt beobachten zu können und uns daran zu erfreuen.
Viele Singvögel sind fast jedem von uns geläufig und wir erkennen sie auf den ersten Blick: Feldsperlinge, Hausperlinge (Spatzen), Kohl- und Blaumeisen, Rotkehlchen, Amseln, Grünfinken, Stare usw. – sie alle finden sich in Scharen an den Futterstellen ein und haben keine Scheu, sich uns zu zeigen. Andere wiederum leben heimlicher und wir bekommen sie nur selten oder gar nicht zu Gesicht und nur, wer ihren Ruf kennt weiß, dass sie da sind.
Viele Singvögel, besonders die kleineren Vertreter, genießen in großen Teilen der Bevölkerung viele Sympathien. Andere, wie beispielsweise Rabenvögel (Krähen, Raben, Elstern, Eichelhäher) haben völlig zu Unrecht  mit gewaltigen Vorurteilen und großer Abneigung zu kämpfen.

Eines haben sie alle gemein:
sie versuchen sich durch Anpassung an unsere zivilisierte Welt neue Lebensräume zu erschließen um überleben zu können,  da wir ihnen ihren ursprünglichen Lebensraum z.B. durch Bebauung, intensive Landwirtschaft, durchgeplante Wald- und Wasserwirtschaft  genommen haben. Ein großer Teil unserer Bevölkerung ist glücklicherweise gewillt, den kleinen, gefiederten Freunden bei ihren Bemühungen zu helfen – wenn auch leider oft nur dem Teil, der unsere Sympathie genießt. Anders lassen sich die gigantischen Umsätze der Vogelfutterindustrie und der Nistkastenhersteller nicht erklären.
Umso bedauerlicher ist es, dass viele dieser Bemühungen, die auch noch viel Geld verschlingen, oft ins Leere laufen, da die billigsten, weil häufig kostenlosen Maßnahmen mangels entsprechender Aufklärung nicht stattfinden oder sogar durch verheerende Unwissenheit im Sommer die Nachzucht derer vergiftet wird, die wir so sorgsam über den Winter gefüttert haben:

Spinnen sind wichtige Kükennahrung
Spinnen sind wichtige Kükennahrung

Nahezu alle bei uns heimischen Singvögel ernähren ihre Brut in den ersten Tagen und/oder Wochen mehr oder weniger ausschließlich mit Insekten. Die Verfügbarkeit von frischen Insekten in großer Vielfalt ist in der Aufzuchtzeit junger Vögel überlebenswichtig.

Grüne Wüsten bieten wenig Nahrung für Singvögel
Grüne Wüsten bieten wenig Nahrung und kaum Nistgelegenheiten für heimische Insekten

In unseren gepflegten Gärten, den „grünen Wüsten“ des urbanen Lebens finden wir unendlich viele, blühende und grünende exotische Pflanzen, kurz geschorene „engl. Rasen“ und Flächen mit wunderschönen Blühpflanzen, die auf sauber von Unkraut befreiten, schwarzen Rabatten stehen. Unsere heimischen Insekten können mit vielen dieser Pflanzen ernährungstechnisch nichts anfangen, weshalb sie weg bleiben.

Totholz ist Nistplatz für viele heimische Insekten
Totholz ist Nistplatz für viele heimische Insekten

Und selbst wenn ein Insekt in diesen Gärten eventuell Nahrung finden sollte, so scheitert seine Anwesenheit oft daran, dass es in den blank geputzten Gärten keine Nistmöglichkeit findet. Die Lücke, die die Abwesenheit einer großen Insektenvielfalt hinterlässt, wird geschlossen durch jene Insekten, die weniger anspruchsvoll sind oder mangels natürlicher Feinde (z.B. spanische Wegeschnecke) leichtes Spiel haben. Sie überfallen die gepflegten „Oasen“ in Scharen und damit sie nicht alles vernichten, was wir liebevoll hegen und pflegen,hat das nächste Gartencenter das passende Gift zur Hand, was wir gegen Rost auf den Rosen, Ameisen am Wegesrand, Schnecken im Salatbeet, Moos im Rasen, Wühlmäuse unter der Erde,  oder Mücken und Fliegen am Frühstückstisch einsetzen können.

Und da schließt sich der Kreis wieder:
Die giftbelasteten toten und noch lebenden Insekten, die in den ohnehin nahrungsarmen Gärten überhaupt noch vorkommen, werden von den Vögeln an ihre Brut verfüttert.
Wenn die Küken Glück haben, überleben sie diese mangelhafte und oft auch einseitige „Babynahrung“.

Sie tragen „nur“ Entwicklungsstörungen davon:

Bachstelze mit Verkrüppelungen
Bachstelze mit Verkrüppelungen aufgrund von Mangelernährung in den ersten Lebenstagen

die Folge sind häufig Gefiederschäden, Störungen des Knochenaufbaus, oft Missbildungen, sogenannte Rachitis,  Immunschwächen oder Schäden im zentralen Nervensystem, die zu Beeinträchtigungen der Reaktions- und Flugfähigkeit und direkt daraus resultierend zu einer drastischen Verminderung ihrer Überlebenschancen führen können. Einige Küken versterben aber auch schon im Nest an den Folgen dieser Fehlernährung. Das ist umso trauriger, als das mit minimalem Aufwand zu vermeiden wäre.

Platz für Wildblüten gibt es überall
Platz für Wildblüten gibt es überall

Gerade der städtische Bereich, in dem keine intensive Ladwirtschaft mit allen negativen Begleiterscheinungen wie Monokultur, Dünger und Giftspritze betrieben wird, könnte vielen aus dem Umland vertriebenen Lebewesen einen perfekten, neuen Lebensraum bieten. Egal, ob im Balkonkasten, im kleinen oder großen Garten des Eigenheims, im öffentlichen Raum auf Verkehrsinseln, Straßenrandstreifen oder in Parkanlagen lassen sich mit wenig Aufwand Lebensräume für die Nahrung unserer Singvögel schaffen. Und ganz nebenbei holen wir uns selbst noch ein Stück Natur zurück bis vor die Haustür.
Bepflanzt man beispielsweise den heimischen Balkonkasten nicht mit Begonien und Co., sondern mit heimischen Küchenkräutern und heimischen Blühpflanzen, so bietet man nicht nur unseren heimischen Insekten die optimale Nahrung, sondern wertet seine Küche auch noch ordentlich auf.

Miniteiche haben sogar in einer Maurerbütt Platz
Miniteiche haben sogar in einer Maurerbütt Platz

Mit einem Miniteich, der in einem Maurerkübel Platz findet, wird auch der kleinste Balkon zu einem Naturparadies, in dem viele Insekten geeignete Brutplätze finden und wo sich nebenbei wunderbar entspannen und vieles beobachten lässt.
In Gärten, egal, wie gepflegt sie auch sein mögen, lässt sich sicherlich ein gut hinter einem Busch verstecktes Plätzchen für Reisig- und Laubhaufen finden. Wer Wildkräuter als störendes Unkraut empfindet, kann diese doch auch wie ein Beet anlegen und schon wirkt es „gepflegt“.

Gundermannblüte
Gundermannblüten sind wertvoll für Natur und Hausapotheke

Blühende Teppiche aus Vogelmiere, Scharbockskraut, Gundermann u.ä. in den Rabatten und Gänseblümchen und Löwenzahn auf dem Rasen sehen nicht nur zauberhaft aus, sie liefern neben Nahrung für die heimische Tierwelt auch gleich die perfekte Hausapotheke – und das ganz umsonst und immer zur Hand wenn es gebraucht wird.

Brennessel
Brennessel schmecken als Chips, sie helfen als Tee gegen viele Krankheiten und sie bieten zahlreichen Schmetterlingsraupen ein zu Hause, die widerum Nahrung für viele unserer Singvögel sind

Brennessel kombiniert mit heimischen Dornensträuchern wie Weißdorn oder Schwarzdorn als lebender Zaun ums Grundstück bieten der heimischen Tierwelt nicht nur sichere Nistplätze und optimales Futter für Herbst und Winter, sie halten auch unerwünschte menschliche Eindringlinge fern, bereichern ebenfalls die Hausapotheke und die Kräuterküche und sie bescheren uns im Sommer eine Vielzahl wunderschöner Schmetterlinge im Garten.

so schön sind unsere heimischen Wildkräuter
so schön sind unsere heimischen Wildkräuter

Unsere heimische Pflanzenwelt angefangen beim Wildkraut über Blumen bis zu Büschen und Bäumen ist so vielfältig und wunderschön – wer braucht da schon importierte Exoten, die niemandem nützen und nur Arbeit machen, da sie in ihrem fremden Lebensumfeld selten ohne unsere Unterstützung dauerhaft existieren können.

Wildblüten
Wildblüten

Öffentliche Anlagen und Flächen würden mit viel mehr Farbe und Vielfalt am Wegesrand tagtäglich unsere Augen erfreuen, wenn wir Wildpflanzen eine Chance ließen und nicht alles kurz und in tristem Grün halten würden.
Und lässt man das Laub im Herbst unter den Bäumen liegen, so bietet es nicht nur zahllosen kleinen Lebewesen in der Natur Schutz und Nahrung für den Winter, sondern sein Zerfall wertet auch den ausgelaugten, stark strapazierten Boden mit frischem Humus auf, der Grundlage für neues Leben bildet.
Maßnahmen gibt es zahllose und wenn jeder nur ein wenig davon im Rahmen seiner Möglichkeiten umsetzen würde, würde die Stadt zum reinsten Naturparadies – nicht nur für Vögel.

„Was nichts kostet ist nichts wert“ – wie viel an diesem Spruch, den ich schon so oft gehört habe dran ist, und zu was für widersinnigem Verhalten uns diese Einstellung verleitet, wurde mir im letzten Sommer mal wieder so richtig vor Augen geführt:
Wilde Schafgarbe ist ein wunderschön blühendes Wildkraut, welches, wie praktisch alle Wildkräuter auch noch von unschätzbarem Wert als Heilpflanze ist. Bei vielen, bei denen die Schafgarbe sich im gepflegten Garten, gar am Rande des englischen Rasens zeigt, wird diese genau so wie Löwenzahn und Co. gnadenlos als Unkraut entfernt und vernichtet. Am nächsten freien Tag gehen wir dann ins nächstgelegene Gartencenter, um uns ein paar schöne Blühpflanzen für unseren Garten zu kaufen. Und was stand dort zu hunderten fein säuberlich in Reih und Glied in Töpfchen zu 2,50€ das Stück?
Sie werden es erraten: Schafgarbe aus dem Treibhaus! ….und nachdem wir hier für die Schafgarbe bezahlen durften, ist sie vom „Unkraut“ aufgestiegen zur wertvollen Beetpflanze, die wir hegen und pflegen, damit sie uns lange mit ihrer Blüte erfreut…..

Nun aber zurück zu den Vögeln:
Eines sollte sich jeder genau überlegen, bevor er Nistkästen anbringt oder eine Sommerfütterung bietet und damit die Vögel zur Brut in seinen Garten lockt:
Bin ich bereit, auf sämtlichen Einsatz von Giften, Pestiziden und Insektiziden gegen Ameisen, Schädlinge an Gehölzen, Nutz- und Blühpflanzen, gegen Unkraut und Moose und auf künstlichen Dünger in meinem Garten zu verzichten? Wenn „ja“, dann werden die Vögel sich freuen, in Ihrem Garten eine geeignete Nistgelegenheit zu finden. Wenn „nein“, dann verzichten Sie bitte auf das Nistkastenangebot und locken Sie die gefiederten Freunde nicht noch extra ins vermeintliche Paradies, das sich dann, wenn es für die Vögel zu spät ist, als Todesfalle entpuppt.
Übrigens stirbt auch eine von Rost befallen Rose oder ein von Larven befallener Apfelbaum nicht gleich ab, nur weil er mal einen Sommer elendlich aussieht, sein Laub hässlich verfärbt und verliert und nicht mehr blüht und trägt.

Wildrosenblüte

Diese Pflanzen erholen sich wieder und im nächsten oder übernächsten Sommer erstrahlen sie umso schöner und danken es mit traumhaften Blüten, reichem Ertrag und unerwarteter Robustheit, dass Sie ihnen die Zeit gelassen haben, sich selbst mit ihren natürlichen Feinden auseinanderzusetzen und eine passende Abwehr zu entwickeln. Lassen Sie ihre Pflanzen ihre Kinderkrankheiten ohne Unterdrückung durch Gift durch machen – dann funktioniert später auch die natürliche Abwehr im Alter.